Königstein im Taunus

Tief durchatmen bitte! Oder was haben Aerosole mit Königstein zu tun?

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie taucht ein Begriff immer wieder auf: Aerosol. Das Kunstwort aus der altgriechischen Bezeichnung für „Luft“ und dem lateinischen Wort „solutio“, „Lösung“ bezeichnet nach Wikipedia das „heterogene Gemisch aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen in einem Gas.“

Diese nur wenige Nanometer großen Schwebeteilchen, die sog. Aerosolpartikel rücken mit der Vermutung, dass Viren an ihnen haften könnten, in Corona-Zeiten in das Interesse der Öffentlichkeit. Denn durch ihre geringe Größe gelangen sie über die Lungen in den Organismus. Doch was haben die Aerosole mit Königstein zu tun? – Gerade die reine Luft am Südhang des Taunus forderte Forscher unterschiedlicher Disziplinen heraus, deren wohltuendes Geheimnis zu lüften. Und so liegt ein Ursprung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Aerosolen in Königstein. Denn die Auswirkung der Luft – und damit der in der Luft schwebenden Partikel – auf die Gesundheit und die Wirkung von atmosphärischen Aerosolen auf das Klima sind naturgemäß für einen Luftkurort von Interesse. Folglich stehen auch die ersten Forschungen zu dem Thema in Zusammenhang mit der Prädikatisierung Königsteins als „heilklimatischer Kurort“ vor 85 Jahren.

Foto: Werbeprospekt 1930er Jahre (Foto: Stadtarchiv Königstein)

Eine medizinisch relevante Beachtung des Klimas begann in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts. In Königstein war es der sogenannte „Wasserdoktor“ Georg Pingler (1815-1892) der neben der Kaltwassertherapie auch die heilsame Wirkung der Luft auf den Organismus für seine Anwendungen nutzte. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass sich Königstein ab 1852 „Bad“ nennen durfte. Während hier mehr die allgemeine Stärkung des Organismus angestrebt wurde, erhielt mit der Behandlung der Tuberkulose die Luftkur einen ganz neuen Stellenwert. 1854 eröffnete der Arzt Hermann Brehmer (1826-1889) im schlesischen Görbersdorf das erste Sanatorium für die systematische Freilufttherapie von Lungentuberkulose. Er setzte seine Patienten – bei gleichzeitig guter Ernährung - beinahe rund um die Uhr der frischen Höhenluft aus. Seine Heilerfolge übertrafen alle bis dahin verfügbaren Therapien. Ein Patient und später Assistent in Görbersdorf war der junge Peter Dettweiler (1837-1904). 1876 übernahm dieser bekanntlich als Arzt die Leitung der ein Jahr zuvor eröffneten Lungenheilanstalt in Falkenstein. Hier entwickelte er Brehmers Methode weiter. Bis zur Entdeckung des Penizillins war die klimatische Behandlung der Tuberkulose die einzige erfolgreiche Therapie der tödlichen Krankheit und setzte sich von Falkenstein aus schnell international durch. Sogar die für Dettweiler entworfenen Liegen machten Karriere, nachdem sie von Sanatorien in Davos übernommen worden waren und durch Thomas Manns Zauberberg literarische Würdigung erfuhren.

Foto: Sanatorium Falkenstein, Liegehalle (Foto: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden)

Die heilsame Wirkung des Klimas, wie es am Südhang des Taunus herrschte, war empirisch unbestritten. Die systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen setzte aber erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Entscheidenden Antrieb erhielt sie von der sich ebenfalls zu dieser Zeit entwickelnden Luftfahrt. Zum einen weil diese neue Möglichkeiten der Himmelsbeobachtungen in unterschiedlichen Luftschichten ermöglichte. Zum anderen weil umgekehrt das Wetter auf die Fortbewegung in der Luft während eines Flugs eine besondere Bedeutung hat. Deutschlandweit führend auf dem Gebiet war der Meteorologe und Geophysiker Franz Linke (1878-1944). 1908 kam Linke als Dozent an den „Physikalischen Verein“ in Frankfurt am Main, der bereits 1881 mit der Ausgabe von Wettervorhersagen begonnen hatte. Linke gründete das „Meteorologisch-Geophysikalische Institut“ des Vereins, zunächst in kleinstem Rahmen. Als 1911 in Frankfurt die Internationale Luftfahrt-Ausstellung stattfand, kam Linke in Kontakt mit der Wetterberatung der Luftfahrt, die auf dem Großen Feldberg im Taunus eine Beobachtungsstation einrichtete.

Dass sich gerade in Frankfurt und im Taunus und damit in großer Nähe zu Königstein ein Zentrum der Wetterbetrachtung in Deutschland etablierte, konnte für den aufstrebenden Kurort nur von Vorteil sein. Zumal Linke auch auf dem Kleinen Feldberg, wo sich bereits eine Erdbebenwarte befand, 1913 das bis heute bestehende „Geophysikalische Taunusobservatorium“ einrichtete. Ein besonderes Verdienst Linkes war zudem die Bestimmung des noch heute gebräuchlichen „Linkeschen Trübungsfaktors“, der die Wirksamkeit von Wasserdampf und Staub in der Luft auf die einfallenden Sonnenstrahlen kennzeichnet. Aus diesen Beobachtungen heraus beschäftigte er sich mit den Zusammenhängen zwischen Wetter und Mensch, also der Bioklimatologie, und erlangte internationale Bekanntheit mit der Herausgabe der „Bioklimatischen Beiblättern“ zur Meteorologischen Zeitschrift.

Foto: Franz Linke, 1878-1944, (Foto Wikipedia)

Foto: Walter und Else Amelung noch vor ihrer Hochzeit (Foto: Stadtarchiv Königstein)

Als ein „Schüler“ Linkes kann der Königsteiner Mediziner Walter Amelung (1894-1988) gelten. Amelung, dessen Vater bereits ein in Königstein etabliertes Sanatorium führte, nahm als junger Arzt im Frühjahr 1924 an der von Linke initiierten Gründungsversammlung der „Mittelrheinischen Studiengesellschaft für Klimatologie und Balneologie“ in Bad Nauheim teil. Er befasste sich – angeregt durch Linke – intensiv mit der Bioklimatik, besuchte Linkes Vorlesungen und richtete 1928 im Garten der väterlichen Klinik mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau eine erste kleine Wetterstation ein: „die Ablesungen und das Wechseln der Streifen führte täglich Else durch, und im Hause selbst wurde ein kombinierter Wind-Strahlungsschreiber angebracht“ wie Amelung in seinen Lebenserinnerungen berichtet. Er erwähnt auch, dass Linke nicht selten auf seinem Weg zum Observatorium im Taunus in Königstein bei der Amelungschen Messstation vorbei schaute und sich mit dem jungen Kurarzt austauschte.

Die Leitung des Taunusobservatoriums übernahm Anfang der 1930er Jahre Linkes Assistent Helmut Landsberg (1906-1985), der später zu einem der führenden Meteorologen in den USA avancierte. Zusammen mit Amelung machte sich Landsberg in und um Königstein auf, die in der Luft befindlichen festen oder flüssigen Teilchen, die sogenannten Aerosolpartikel zu erforschen, weil sie – wie man heute weiß, zu Recht - annahmen, dass diese einen Einfluss auf die Gesundheit haben könnten. Die beiden maßen die Anzahl von Zellkernen in der Luft im Landschaftsquerschnitt von den Höhen des Taunus bis in die Mainebene ebenso wie die Konzentrationen in den Krankenzimmern, in gelüfteten und ungelüfteten Räumen, den Liegehallen, dem Wald und allen für die Therapie vorgesehenen Orten. Diese Messungen interessierten in den 1930er Jahren nur einen kleinen Kreis von Meteorologen und Balneologen in Hinblick auf die Therapieanwendungen von Luftkuren. Erst mit der zunehmenden Luftverschmutzung der 1960er und ´70er Jahre wurden diese Forschungen intensiviert. Heute führt die Betrachtung etwa der Rußpartikel als Anhaftungen an Schwebstoffen in den Aerosolen zu tiefgreifenden, auch politischen Konsequenzen bis hin zum Dieselfahrverbot. Und in Zeiten der Corona-Krise bekommen sie wiederum eine neue Relevanz.

Foto: Klimastation in Königstein in den 1970er Jahren (Foto: Stadtarchiv Königstein)

Die Zielrichtung der damaligen Forschungen war es nicht zuletzt durch die Intervention von Amelung, der nicht nur selbst eine Kurklinik leitete, sondern sich aktiv in der Lokalpolitik für die Stadt einsetzte, die positive Auswirkung der Luft auf den Organismus hervorzuheben und die Indikationen zu benennen. Neben den Klimawissenschaftlern und Medizinern interressierten sich die Tourismusexperten für diese Ergebnisse. Der Allgemeine Deutsche Bäderverband, Vorgänger des heutigen Heilbäderverbands, hatte 1932 verbindliche Begriffsbestimmungen für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen vorgenommen. In der Folgezeit wurden verbindliche Richtlinien für die Anerkennung eines Kurorts festgeschrieben und schließlich Prädikate vergeben, deren Grundlagen regelmäßig überprüft werden. Königstein wird nach den festgelegten strengen Kriterien seit 1935 bis heute ununterbrochen als heilklimatischer Kurort klassifiziert.

© Alexandra König, Stadtarchiv Königstein 2020.

NACHWEISE:
Amelung, Walther, Es sei wie es wolle, es war doch so schön. Lebenserinnerung als Zeitgeschichte, Königstein/Taunus 1984.