Königstein im Taunus

2019 - Herta Müller

Die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Schriftstellerin Herta Müller hat den Eugen-Kogon-Preis 2019 der Stadt Königstein im Taunus verliehen bekommen. Die feierliche Preisverleihung fand am Freitag, 22. März 2019, um 18.00 Uhr im Haus der Begegnung statt. Die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, Dr. Ina Hartwig, hielt die Laudatio Alle Königsteiner Bürgerinnen und Bürger waren zu dieser festlichen Veranstaltung herzlich eingeladen.

Laudatio von der Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, Dr. Ina Hartwig:

Die Unverzichtbarkeit von Schriftstellern liegt in ihrer Meisterschaft im Umgang mit Sprache begründet, nicht in ihrer Lebensgeschichte. Denn das, was ihnen zustößt oder zugestoßen ist im Leben, und bei Herta Müller haben wir es mit einem Leben in der Diktatur zu tun, das stößt unzähligen anderen auch zu. Das macht ja das Wesen der Diktatur aus: dass sie ein System etabliert, das für alle gilt. Aber es sind vor allem die Schriftsteller, die diese Erfahrung als universelle Erfahrung erst erfassbar machen.

Der Namenspatron des ehrwürdigen Preises, der heute an Herta Müller verliehen wird, Eugen Kogon, war Historiker, Journalist und Politologe, und zwar einer der ersten überhaupt in der jungen Bundesrepublik. Die beeindruckende Liste der Persönlichkeiten, die mit dem Eugen-Kogon-Preis ausgezeichnet wurden, enthält entsprechend politische Autoren oder Politiker; Literaten im emphatischen Sinne waren bisher nicht dabei, mit Ausnahme des Schriftstellerpolitikers Vaclav Havel, dem der Kogon-Preis im Jahre 2012 posthum verliehen wurde.

Ich freue mich ausdrücklich, dass dieses Jahr mit der Auszeichnung Herta Müllers eine der wirkmächtigsten literarischen Stimmen der Gegenwart geehrt wird. Das ist in der Geschichte dieses Preises ein Novum; und ich möchte sagen, die Auszeichnung kommt im richtigen Moment. Denn den Blick auf das Zusammenspiel von Denken, Wahrnehmung und Sprache zu legen, ist notwendig in Zeiten der sprachlichen Verrohung und Enthemmung, der Spaltung, der zunehmenden Respektlosigkeit vor der Anstrengung, verstehen zu wollen.

Genau diese Anstrengung, verstehen zu wollen, teilt Herta Müller mit Eugen Kogen. Und noch etwas teilt sie mit ihm: das Sujet des Terrors in einer Diktatur. Bei Müller geht es um die rumänische Variante der sowjetischen Diktatur, die sie als Rumäniendeutsche durchlitten hat, ein Dorfkind, das es in die Stadt zum Studium und zur Literatur trieb, bespitzelt und bedroht von der Securitate. Kogon durchlitt die nationalsozialistische Diktatur, davon über sechs Jahre als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald. Grenzerfahrungen, in beiden Fällen, über die der eine sachlich, die andere literarisch und poetisch geschrieben hat.

Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ über das „System der deutschen Konzentrationslager“, wie es im Untertitel heißt, ist unauslöschlich mit seinem Namen verbunden. Dieses umfangreiche Werk, der Buchhandel würde es heute als Sachbuch-Bestseller einordnen, entstand unter bemerkenswerten Umständen unmittelbar nach Kriegsende. Man erfährt von diesen Umständen im Vorwort zur Neuauflage von 1974, da wohnte Eugen Kogon bereits in Königstein. Es war der amerikanische Geheimdienst gewesen, der nach der Auflösung des Konzentrationslagers Buchenwald den gewissermaßen altgedienten Häftling und promovierten Historiker Eugen Kogon bat, einen Bericht über das Lager zu verfassen; sein Name war dem „Intelligence Team“ von Emigranten in den USA genannt worden.

In Windeseile und schier unglaublicher Systematik diktierte Kogon, was er über das Lager wusste und wie er dessen Mechanismen einschätzte; es muss in ihm alles abrufbereit, quasi innerlich archiviert, bereitgelegen haben. Zwischen der Erstausgabe von 1947 und der Neuausgabe von 1974 liegen knapp dreißig Jahre; und die Erfahrung, dass die Bundesrepublik Deutschland sich ihrer Vergangenheit gestellt und damit, so Kogon im Vorwort zur Neuauflage, diese „nicht moralisch, sondern politisch bewältigt“ habe. Mit dieser positiven Entwicklung einer politischen Bewältigung, an der er durchaus wesentlichen Anteil hatte, konnte der aus der Hölle von Buchenwald Entkommene nach der Befreiung noch lange nicht rechnen. Kogon, aufgebracht und erkaltet gegenüber den Deutschen und doch davon überzeugt, dass man diese Nation in die europäische Zivilisation zurückholen müsse, schreibt im Rückblick:

„Der deutsche Geistesträger – bezeichnenderweise ,Akademiker‘ genannt – hatte selbst kein reales Verhältnis zur Politik außer dem des Untertanen. Sein Reich war der Geist, das Denken und Dichten. Viele widerspruchsvolle Züge im deutschen Charakter und in der deutschen Geschichte werden durch diese Grundveranlagung erklärlich. Deutschland hat niemals eine politisch prägende nationale Gemeinschaft hervorgebracht, die ihrerseits das Volk durch Generationen geschützt und gehalten hätte. Deutschland ist gegen den Terror des Nationalsozialismus nicht aufgestanden, weil es bis jetzt ein politisches Volk im Sinne des Wortes nicht gewesen ist.“

Einen erschütternden Abschnitt von „Der SS-Staat“ widmet Kogon den Kindern und Jugendlichen in den Konzentrationslagern. Ungeheuerlich, was diese jungen und jüngsten Menschen erleben mussten! „Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe für Pädagogen“, schreibt Kogon mit Blick in die Zukunft, „einmal dem weiteren Schicksal der Jugendlichen jeder der geschilderten Arten nachzugehen, die der KL-Zeit lebend entronnen sind, und ihr Verhältnis zur Umwelt, insbesondere zu älteren Kameraden, die nicht einen auch nur annähernd ähnlichen Weg gegangen sind, zu studieren.“

Eines der Kinder, die im April 1945 in Buchenwald befreit wurden, war der spätere ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész. Dessen „Roman eines Schicksallosen“ erzählt aus der Perspektive eines Kindes von Auschwitz und Buchenwald. Das Buch begründete Kertész‘ Weltruhm, mit vielen Jahren Verzögerung; der Nobelpreis ereilte ihn mit über siebzig. Das Schreiben war sein Weg gewesen, um eine Souveränität als Subjekt behaupten zu können. Wie ungemein mühevoll jedoch der Weg zu seinem eigenen Stil war, diesem unvergleichlichen Tonfall der Beiläufigkeit, bezeugen seine Tagebucheintragungen aus den Jahren 1952–1962, die kürzlich in der Zeitschrift „Sinn und Form“ posthum erschienen sind. Es ist ja gerade die Kinderperspektive, aus der Kertész die Deportation und den Lageralltag schildert; so spricht er beispielsweise im Tagebuch von „der Notwendigkeit des Anpassungsvermögens, das den Menschen – das Kind – den Problemen gegenüber gleichgültig macht“.

Es trifft sich, dass Herta Müller, als sie im Jahre 2009 den Nobelpreis erhielt, soeben den Roman „Atemschaukel“ veröffentlicht hatte, worin die Lagererfahrung ebenfalls aus der Perspektive eines Heranwachsenden geschildert wird. Und selbstverständlich hat auch sie mit dem Stil gekämpft, der sowohl den Gesetzen historischer Wahrhaftigkeit als auch der Poesie gehorchen sollte, beides ist auf beeindruckende Weise gelungen. Nicht die eigenen Erfahrungen, sondern die ihres Freundes Oskar Pastior waren es, die zu Literatur wurden. Und auch hier ist das Anpassungsvermögen eine notwendige Triebkraft beziehungsweise Überlebenstechnik.

Das Lager der „Atemschaukel“ ist kein deutsches, es ist ein russisches Lager. Alle Rumäniendeutschen zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren – Pastior selbst stammte von Siebenbürger Sachsen ab – mussten nach dem zweiten Weltkrieg für die Verbrechen der Nationalsozialisten büßen und beim Wiederaufbau der Sowjetunion helfen. Wobei nicht verschwiegen sei, dass unter ihnen natürlich tatsächlich überzeugte Nazis und Rassisten waren. Das Lager, in dem Pastior schuftete, lag in der Ukraine, und dort liegt auch das Lager, in das der Romanheld Leo Auberg für ganze fünf Jahre seines jungen Lebens verfrachtet wird. Abgeholt wird er im Januar 1945, Leo ist siebzehn Jahre alt, ein typischer Pubertierender voll Sehnsucht im Bauch, wohnhaft im rumänischen Hermannstadt als Deutscher, und zunächst sogar froh, rauszukommen aus der Familienenge.

Die Ansammlung von Lagerbaracken, nach Männern und Frauen getrennt, bleibt im Roman abstrakt. Wie unter der Lupe werden die Szenen beim Friseur betrachtet, die Liebeständel, die Schikane bis hin zur Folter, die Dramen ums Brot. Niemals ist Herta Müller versucht, ein Panorama zu liefern oder gar eine Theorie: Verdichtung ist Prinzip. Nach Erklärungen für das, was geschieht, sucht die Autorin auf fast schon akribische Weise nicht. Es ist eher so, als suche sie in der Erniedrigung aller die Würde des Einzelnen.

Auch Herta Müllers Mutter ist in einem russischen Lager gewesen, hat darüber aber wohl nur in vorwurfsvollen Andeutungen gesprochen – ja, die Literatur kann durchaus ein Aufbegehren gegen das Schweigen der Eltern, der Großeltern sein. Es ist nicht Jedermanns Wahrnehmung des Lageralltags, die sich in „Atemschaukel“ niederschlägt, es ist die Wahrnehmung eines der sprachlichen Benennung fähigen Menschen, eines Schriftstellers, ja eines Dichters, könnte man sagen, wenngleich Leo Auberg selbst kein Schriftsteller ist; aber Oskar Pastior, auf dessen Biographie der Roman zurückgreift, war ein Dichter, und was für einer!

Im Lager erfährt Leo alias Pastior, mit dem Herta Müller unendlich viele Gespräche geführt hatte, die Auflösung seines Ich. Die Macht über das, was vom Lagersubjekt übrigbleibt, übernimmt nicht etwa der russische Lagerkommandant oder der Kapo, sondern ein Wort namens „Hungerengel“. Den Hungerengel muss man sich wie einen Geist vorstellen, den der Hungernde sich schafft, um gegen ihn kämpfen zu können. Das gelingt dem jungen Romanhelden auch, immerhin überlebt er die „Hautundknochenzeit“ im Unterschied zu vielen anderen, aber, und das ist ein gewichtiges Statement: Der Hungerengel nimmt Besitz von ihm für immer. Als nach drei Jahren härtester Haft plötzlich etwas Geld gezahlt wird und er auf dem Basar Essen kaufen kann und sein Fleisch wieder üppiger wird, da hat der Hungerengel ihn immer noch im Würgegriff. Das heißt: Das Lager hat seine Seele zugerichtet, auf Lebenszeit. Niemandem wird Leo jemals wieder sein Herz schenken können.

Herz, übrigens, gehört zu jenen Wörtern, die Herta Müller oft und gern benutzt. „Und noch erschrickt unser Herz“ heißt etwa ein Text aus dem fantastischen Essayband „Hunger und Seide“, der bei Erscheinen 1995 für Aufsehen sorgte in der literarischen Landschaft der größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland, um nicht von Wiedervereinigung zu sprechen. Dieser Begriff ist ohnehin missverständlich, denn hier wurde ja vereinigt, besser zusammengefügt, was es so vorher nicht gegeben hatte. Herta Müller ihrerseits hat die alte Bundesrepublik noch kennengelernt; sie war bereits 1987 aus Rumänien nach West-Berlin gekommen.

„Berlin“, schreibt sie in dem erwähnten Essay über die Zeit ihrer Ankunft, „war damals eine Stadt, in der die Mauer sich bewegte. Manche Tage stand sie an Straßenenden, wo sie an anderen Tagen nicht stand. Ich war überzeugt: Die Mauer wandert auf dem Rücken der Tiere, die auf dem kahlen Streifen Erde hausen. Kaninchen und Krähen, diese Tiere der Erschossenen, machten mir so Angst wie die Gewehrläufe. Die Mauer ist weg, die Tiere der Erschossenen haben sich ins Land gerettet. Kann sein, dass auch ihnen auf der Flucht das Herz tobte wie den vielen Gejagten davor.“

1953 in Rumänien geboren, aufgewachsen mit der Muttersprache Deutsch, das Rumänische später perfekt gelernt, und lieben gelernt, obwohl es die Sprache der Unterdrücker war, aber eben auch der Freundschaften und der Literatur; so ausgerüstet, alles verstehend, alles sprechend, und mit einem Dialekt, der ungewohnt klingt in den Ohren der Einheimischen, kommt sie nach Deutschland. Da hört sie dann oft und ganz unverblümt das Wort „Ausländer“. Sie ist damit gemeint, die Deutsche aus Rumänien, die sich ständig rechtfertigen muss, woher sie denn komme? Man macht ihr Komplimente, sie spreche aber gut deutsch. So wohlmeinend, und damit verletzend, sind keineswegs nur die einfachen Leute, die Bäckersfrau oder die Blumenverkäuferin; nein, auch die Intellektuellen und Schriftstellerkollegen aus dem Westen sagen solche Sachen. Dabei können sie selbst Bukarest von Belgrad und Budapest nicht unterscheiden.

„Egal, wohin man sieht: für Menschen aus Demokratien und Menschen aus Diktaturen ist nichts gleich verlaufen“, schreibt Herta Müller in dem Essay, der das erschrockene Herz im Titel trägt, und wenn ich ehrlich bin, so erschrickt mich dieser Text, ja der gesamte Essayband „Hunger und Seide“ heute, beim Wiederlesen, fast mehr als damals. Jener Essay geht auf einen Vortrag in Berlin zurück, 1993 war das, man sprach über die „tolerante und weltoffene“ Stadt – oder besser gesagt, man hoffte, dass Berlin tolerant und weltoffen sei. Man unterschied auf der Tagung zwischen „Staatskindern“ und „Landeskindern“, und tatsächlich erinnere ich mich daran, wie Christa Wolf kurz nach dem Mauerfall in eine Fernsehkamera sprach: „Ich habe dieses Land geliebt.“ Womit sie die DDR meinte.

Vermutlich hatte Eugen Kogon genau dies im Sinn, als er das verklärte Verhältnis der deutschen Geistesträger zur politischen Wirklichkeit diagnostizierte. Denn die DDR war ja kein Land, sondern ein Staat und als solcher die deutsche Variante der sowjetischen Diktatur. Herta Müller, die niemals den Sozialismus mit menschlichem Antlitz gesucht hat, weil sie das unmenschliche Antlitz der Securitate-Offiziere allzu gut kannte, teilt diese Perspektive Christa Wolfs nicht, im Gegenteil. Das Deutschland, das Herta Müller kurz vor dem Mauerfall kennenlernt, das „Land“ ihrer Muttersprache, ist ihr fremd und unheimlich. Warum? Ganz einfach: weil sie, die Deutsche aus Rumänien, als Fremde kategorisiert wird, als „Ausländerin“.

Die Umbrüche von 1989 aber sind ein Gradmesser keineswegs nur für Menschen aus dem damals noch Ostblock genannten Sowjetreich mit seinen Satellitenstaaten. Das gilt ganz genauso auch für Westmenschen, die von der anderen Seite des ideologischen Universums aus die Umstürze verfolgten. Ich zum Beispiel, damals Studentin in West-Berlin, erinnere mich genau an den Tod Nicolae Ceauᶊescus. Oder besser, ich erinnere mich an das flimmernde, wacklige schwarzweiße Fernsehbild des toten rumänischen Diktators, seines im Schnee liegenden Kopfes. Ich war damals in Schweden in den Ferien, draußen lag ebenfalls Schnee, genauso wie in Rumänien. Es muss der 25. Dezember 1989 gewesen sein. Das rumänische Militär hatte sich auf die Seite des aufständischen Volkes geschlagen; zwei Offiziere erschossen Ceauᶊescu und seine Frau, denen zuvor ein schneller Prozess gemacht worden war von einem schnell einberufenen Militärtribunal. Die Bilder wurden sofort verbreitet in alle Welt und verfehlten ihre Wirkung nicht.

Das tote Diktatorenpaar, so Herta Müller, wurde bald schon wieder verklärt – von den ehemaligen Nutznießern der Diktatur, vor allem aber von den Armen, denen es nach dem Ende der Diktatur nicht besserging. In dem Text mit dem schönen Titel „ER und SIE – Armut treibt die Menschen an Ceauᶊescus Grab“ beschreibt Herta Müller eine winterliche Szene auf dem Friedhof in Bukarest:

„Da steht eine alte Frau in dünnen Kleidern neben SEINEM Grab. Ihr Kinn zittert vor Kälte, nicht vom Beten. ,Ich kann von meiner Rente nicht leben‘, sagt sie, ,ich habe kein Haus und kein Essen. ER hätte das nicht getan.‘“
Und Müller fährt fort:
„Sie lügt nicht. Sie hat die Wahrheit des Elends, die Verklärung, die die Ärmsten erfasst. Sie trägt die Folgen einer vergangenen Zeit als Gegenwart. Als Hunger und Kälte. Die Veränderung zertritt sie, treibt sie an dieses Grab. Sie wird wie viele alte Menschen diesen Winter nicht überleben, auf den Straßen verhungern oder erfrieren. Meine Wahrheit, dass ER eine niedergetrampelte Welt hinterlassen hat, widerspricht der ihren nicht. Doch den Luxus der Logik kann sie sich nicht leisten.“

Diesen Text, erschienen am 28. Dezember 1993 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, also nur wenige Jahre nach den Ereignissen, las man damals und liest man noch heute mit angehaltenem Atem, nicht weil man etwas historisch Neues erführe, das hatte ja das flimmernde Fernsehbild längst erledigt, sondern weil Herta Müller ihre unverwechselbare Sprache, ihren lakonischen Ton, ihre scheinbar einfache Wortwahl demonstriert, weil sie ihre Wahrnehmung, ihre Erfahrung, ihre Empfindungen und ihr Denken in den Ring wirft, und ihre Ethik.

Die Armut der damaligen Zeit, den Hass auf die Armen als Ausdruck der Abwehr der eigenen Armut: Diesen historisch-psychologischen Mechanismus analysiert Herta Müller in ihren großartigen, mutigen Essays aufs Schonungsloseste. Die Armut der Zigeuner Rumäniens erscheint unter dieser Perspektive als die äußerste Manifestation der alle erfassenden Armut. Die Scham und der Selbsthass durch Armut als Folge des dauerhaften, sozialistischen Mangels, dies schildert Herta Müller ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen, und so werden ihre Texte zu Kristallen der Erkenntnis, die das Kommende in der Vergangenheit viel früher erkennen als wir, die halbwissend Hoffenden. Wir, die damals dachten, die Auflösung der Sowjetunion würde quasi naturgemäß lauter glückliche Demokratien hervorbringen. Mit dieser Hoffnung haben wir uns Illusionen hingegeben, aus denen wir schockartig erwachen, spätestens jetzt, da die Autokraten und Nationalisten weltweit auf dem Vormarsch sind und rechtsradikale Parteien die Parlamente erobern und Polizisten in beunruhigender Zahl wegen rechtsradikaler Gesinnung suspendiert werden müssen.

Ich bin, die Essays der neunziger Jahre wiederlesend, schlicht und ergreifend verblüfft und respekterfüllt, wie genau Herta Müller am Ende der alten Weltordnung bereits den Neofaschismus unserer Gegenwart vorausgesehen hat, geradezu prophetisch. Dass der Hass auf die Armut einerseits immer den Fremden meint, andererseits identitätsstiftend wirkt, hat Herta Müller damals in Deutschland genau beobachtet; ich zitiere aus einem Essay aus „Hunger und Seide“:

„Diese Lebendigkeit im Hass wird zur Selbstverständlichkeit. Das gemeinsame Feindbild muss nie korrigiert werden, weil seine Züge erfunden sind. Die Gesprächspartner erfahren durch das gemeinsame Feindbild Bestätigung ohne Verantwortung. Das macht süchtig.“
Klingt das nicht, als spräche sie von heute? Ich zitiere weiter:
„Die Steinewerfer und Brandstifter, die Menschenjäger aus Hoyerswerda und Rostock sind nicht Randgruppen. Sie bewegen sich in der Mitte. Sie können sich nicht nur auf den Applaus am Straßenrand, sondern auch auf die Zustimmung derer verlassen, die äußerlich nicht als Skinheads zu erkennen sind. Brave Bürger, die sich die Köpfe nicht kahlscheren, sondern, unauffällig und still, an der persönlichen und öffentlichen Meinung stricken, die Menschenjagd gesellschaftsfähig macht. Die Neonazis mit den harten Fäusten sind seit mindestens zwei Jahren die Vollstrecker einer öffentlichen Meinung. Deshalb flüchten sie nicht. Sie agieren vor den Kameras der Reporter und toben eine Nacht nach der anderen sogar am gleichen Ort. Sie haben keinen Grund, sich zu vermummen oder in den Untergrund zu gehen. Denn sie fühlen sich beauftragt von der Gemeinschaft.“

Lange vor der Aufdeckung des NSU – die neuen Nazimörder gingen eben doch in den Untergrund – und lange vor Gründung der AfD, deren Existenz man im Keim hier schon mitliest, hat Herta Müller allein durch Hinsehen und Hinhören und natürlich vor dem Hintergrund eigener Erfahrung ein dunkles Geschichts- und Menschenbild entworfen. Dank ihrer Fremdheit, die nicht die Ihre war, sondern ihr als Projektion entgegenschlug, erkannte Herta Müller den fatalen Geist des völkischen Deutschtums, jenes Gespenst, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs weitergelebt hat und weiterlebt, in der DDR mit ihrem staatlich verordneten Antifaschismus genauso wie in der alten Bundesrepublik mit ihrer weltweit geachteten Gedenkkultur.

Eugen Kogon hatte vor siebzig Jahren bei allen spürbaren Zweifeln gehofft, dass Deutschland „rückblickend“ sich selbst erkennen möge, „damit das entstellte, das verzerrte Antlitz wieder Gleichmaß gewinne“. Es ist nichts weniger als die Kraft der Buße, die er beschwört: „Weit werden die Konzentrationslager dann hinter dem erneuerten Deutschland liegen – nur noch eine Mahnung aus den Zeiten der Finsternis dieses Dritten Reiches.“

Herta Müller wusste und weiß es besser. Die Mahnung droht längst wieder überhört zu werden. Umso mehr kommt es darauf an, die richtigen Worte zu finden, und das tut Herta Müller beispielhaft und in unübertrefflicher Weise.

Ich gratuliere dieser großartigen Denkerin, Warnerin und Wortmeisterin herzlich zum Eugen-Kogon-Preis 2019!

Königstein im Taunus am 22. März 2019


Herta Müller
Dankesrede zur Verleihung des Eugen-Kogon-Preises 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich wollte immer wissen, wie das Leben geht.
Als Kind beim Kühehüten im Flußtal habe ich die Pflanzen beneidet, weil mir schien, sie wissen, wie das Leben geht. Alles an ihnen stimmte. Ich habe sie gekostet, habe mit ihnen gesprochen, ihnen Namen gegeben und sie miteinander verheiratet. Ich sah sie an wie Menschen, die nicht im Dorf leben, sondern im Tal. Ich wußte, dass sie miteinander leben müssen, dass sie frisch oder müde sind, Durst haben, alt werden und sterben.

Auch als ich Jahre später Eugen Kogons Buch "Der SS-Staat" gelesen habe, wollte ich wissen, wie das Leben geht. Ich war damals noch Schülerin auf dem Gymnasium in Temeswar und lebte nicht mehr im Dorf. Ich wußte, dass mein Vater sich als junger Mann freiwillig zur SS gemeldet hatte, wie fast alle Männer im Dorf. Und dass der Bruder meiner Mutter der Dorfintellektuelle und Nazi-Ideologe war. Auch er war für Hitler in den Krieg gezogen. Nach wenigen Wochen an der Front wurde er in Bosnien von einer Mine zerrissen. Ich kannte das handgroße gezackte Foto von der Front: Ein weißes Leintuch im Gras, darauf war der zerfetzte Körper ein dunkler Fleck. Es lag im Gebetbuch meiner Großmutter. Sie betete viel und wollte das Foto bei den Gebeten haben.

Die Erinnerungen an den Krieg waren für die Männer im Dorf, die ihn überlebt hatten, Erinnerungen an ihre erste und oft einzige Reise hinaus in die Welt. Der Krieg wurde verklärt als Jugendzeit. Auf den Hochzeiten sangen die "Kriegskameraden" betrunken und schunkelnd ihre SS-Lieder: "Fahren wir gen Engeland" oder "Urlaubsschein" oder "Im schönen Böhmerwald".

Ich habe als Kind meinen Vater sehr geliebt. Auch durch Bücher wie Kogons "SS-Staat" hat sich meine Beziehung zum Dorf verändert. Ich selbst hatte mich durchs Lesen verändert. Das betraf auch das Verhältnis zu meinem Vater. Schließlich war ich damals ungefähr in dem Alter, in dem er sich verblendet dem Diktator Hitler anschloss. Das war für mich eine Warnung. Ich wußte wie jeder in diesem Land, dass wir in einer Diktatur leben und ich begriff,  Kogons Mahnung an die  individuelle Verantwortung, an das Gewissen jedes Einzelnen meint es ernst. Ich war durchs Lesen politisiert. Um so dringlicher stellte sich die Frage, wie kann man leben.

So kurz war die Frage gar nicht. Sie ging viel weiter mit Nebensätzen, die im Grunde das Hauptsächliche daran waren. Wie kann man leben mit dem was man denkt, wenn man es nicht sagen darf, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. Wie soll man trotzdem, da wo es darauf ankommt, in einer Sitzung, oder auf einem Amt oder beim Verhör, zeigen was man denkt, ohne es zu sagen. Wie soll man leben, um so zu bleiben oder zu werden, wie man für sich selber ist. Oder wie soll man nicht so werden, wie man nicht sein will.

Eigentlich wußte ich gar nicht, wie ich sein will, wer weiß das schon von sich. In einem gewissen Sinn wußte ich es dennoch, weil ich jeden Tag um mich herum sah, wie ich nicht sein will und auf keinen Fall werden darf. Wie kann man leben und sich ertragen, obwohl man nicht so ist, wie man sein will, weil man gar nicht so sein darf, wie man am liebsten wäre. Ich geriet mit dieser Grundsatzfrage, wie soll man leben, immerzu in Konflikte. Ich war gar nicht darauf aus, diese Frage zu stellen, sie stellte sich unausweichlich von selbst. Sie war immer schon dort, wo ich mit meinem Leben hinkam. Sie war vor mir da, als hätte sie auf mich gewartet.

Ich habe das damals nicht gewusst, es war die Frage nach persönlicher Freiheit und der eigenen Würde. Aus der Distanz von heute glaube ich, dass es in der Unterdrückung eine zerstörerische Fixation auf das Gegenteil gibt, auf die  Freiheit, die nicht gelebt werden kann. Sie ist als Abwesenheit vorhanden, sie weiß, dass sie verkrüppelt wird. Sie wird so gestört, dass sie dort, wo sie beginnt, sofort aufhört. Das Ende frißt den Anfang vom ersten Moment an. Da sie jedoch immer, wenn auch nur als Gegenteil von sich selbst vorhanden bleibt, ist sie im Kopf mehr als bloße Projektion. Sie ist kein stummes Kopfbild, sondern ein furchtbar genaues Gefühl. Gefühl ist das passende Wort. Denn Gefühle sind ja im Kopf. Jedenfalls entstehen sie im Kopf. Dass einem die Unterdrückung bewußt ist, heißt dass einem das Fehlen der Freiheit bewußt ist. Es ist dieses fatale Zwillingspaar, das durchs Leben läuft. Es ist so ein Paar, wie chronischer Hunger immer ans fehlende Essen denkt.

Ich muß es mir heute eingestehen: das meiste was ich über Freiheit gelernt habe, habe ich aus den Mechanismen der Unterdrückung gelernt. Diese Mechanismen zu beobachten, und was anderes bleibt einem ja in der Unterdrückung nicht übrig, ist wie die Spiegelschrift der Freiheit zu entziffern. Das Deutlichste, was ich gelernt habe, kann ich ganz einfach sagen:

Freiheit ist immer konkret. Sie ist da oder sie fehlt in jeder einzelnen Sache. Allgemein kann ich darüber gar nicht reden. Es führt mich nirgends hin, wenn ich es versuche. Das abstrakte Wort Freiheit beschäftigte mich nicht als Idee, sondern als Gegenstand. Ein ganz konkreter Gegenstand. Denn Freiheit hat ihren konkreten Ort, an dem sie vorhanden ist oder fehlt. Sie hat ihren Inhalt, ihr Gewicht. In der Freiheit ist immer eine konkrete Situation. Es findet etwas statt oder es ist wird verhindert. Diese beiden Kategorien sind immer präsent: erlaubt und verboten. In der Diktatur war fast alles, was ich tun wollte, verboten. Und was erlaubt war, hab ich mir selbst verboten, weil ich nicht so werden wollte, wie diejenigen, die es mir erlaubten. Die Freiheit ist ein Gegenstand. Aber in diesem Leben in Rumänien war sie so weit weg, man konnte sie nicht anfassen. Umso mehr faßte sie mich an.

Das war der Grund, weshalb ich in allen Situationen, wo es darauf ankam, in unvermeidliche Konflikte geriet. Wo es darauf ankam – es kam ständig darauf an.

Ich arbeitete im dritten Jahr in einer Maschinenbaufabrik als Übersetzerin. Die Betriebsanleitungen der Maschinen aus der DDR, der Bundesrepublik oder aus Österreich mußten für die Arbeiter aus dem Deutschen ins Rumänische übersetzt werden. Zwei Mal kam ein Geheimdienstler ins Büro und wollte mich mit einer durchschaubaren Mischung aus Schmeichelei und Einschüchterung als Spitzel anwerben. Da ich ablehnte mit dem Satz: Ich hab nicht diesen Charakter, fing das tägliche Drangsalieren an. Ich wurde jeden Morgen halb sieben, wenn ich am Tor ankam, vom Pförtner zum Direktor geschickt. Dort erwartete mich das Trio aus Direktor, Gewerkschaftschef und Parteisekretär. Es war jeden Morgen dasselbe Theater aus Geschrei über meine Gefährlichkeit und Gelächter über meine Unfähigkeit. Der letzte Satz war stets: Such dir bis morgen eine neue Stelle. Der erste Satz am nächsten Morgen war: Hast du eine andere Stelle gefunden. Aus Trotz sagte ich jedesmal: Ich habe keine gesucht, mir gefällt es hier in der Fabrik, ich möchte bis zur Rente bleiben. Das war reine Provokation, ich war ja kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Die drei Genossen schäumten. Das Ganze dauerte meist eine volle Stunde, danach durfte ich ins Büro an meinen Schreibtisch. Die Schikane ging wochenlang. Eines Morgens wollte ich endlich ins Büro, aber es war ein Ingenieur eingezogen. Er sagte, ich hätte hier nichts mehr zu suchen. Die Betriebsanleitungen und meine dicken Wörterbücher lagen im Gang auf dem Fußboden. Ich ging eine Weile auf die Toilette weinen, damit mich niemand sieht. Dann ließ mich eine Freundin an eine freigeräumte Ecke ihres Schreibtischs. Es war ein Großraumbüro. Ein Paar Tage später wartete sie morgens draußen vor dem Büro mit meinen Sachen im Arm. Sie sagte, ihre Kollegen wollten mich nicht mehr in ihrem Büro, schließlich sei ich ein Spitzel. Die Verleumdung war vom Geheimdienst organisiert. Es war die Rache für meine Weigerung, die Kollegen zu bespitzeln. Alle glaubten das. Ich konnte nichts dagegen tun. Es gab bestimmt unzählige Spitzel in der Fabrik, die niemand kannte, die mit Positionen und Geld belohnt wurden für ihre Dienste. Ich war so wehrlos in dieser Zeit, für mich war die Welt entgleist. Ein paar Wochen war mein Büro das Treppenhaus. Ich setzte mich auf mein Taschentuch zwischen den Etagen.

Trotzdem wußte ich jeden Tag, dass die Weigerung richtig war. Sie war lebenswichtig. Nach dieser Absage fühlte ich mich frei. Ich war frei davon, etwas zu tun, was man von mir verlangte. Es hätte wahrscheinlich auch mir Vorteile gebracht, es war aus der Sicht des Regimes das Normale und mehr als nur erlaubt. Es war eine erlaubte Pflicht. Ich wußte genau, dass meine Absage ernste Folgen haben wird. Trotzdem war ich erleichtert, denn die Sache war ab nun für beide Seiten geklärt : Mir war klar, dass ich mich an der Unterdrückung nicht beteilige. Und dem Geheimdienst war klar, dass er mit mir nicht zu rechnen hat. Was mir aber nicht klar war und täglich über mich kam, war die Einsamkeit danach. Diese große Verlassenheit, so monströs, als wäre jede Beziehung zu mir pures Gift. Ich wurde gemieden, die Kollegen von gestern wollten mich nicht mehr kennen.  

Ich hatte mir eine Freiheit erlaubt, die in diesem Land nicht vorgesehen war. Sie vergrößerte die Unterdrückung sogar. Ich habe damals begriffen, dass eine Person für einen Überwachungsstaat nur dann als Individuum in Betracht kommt, wenn sie zum Staatsfeind wird. Weil er die Person zerstören will, denkt sich der Staat die Methoden für jeden einzeln aus. Das muß er tun, damit die Zerstörung wirkt.

Durchs Treppenhaus sah man die Fabrikskatze mit dem zerrissenen Ohr draußen im Hof. Mir fiel die Redewendung ein: Am Rand der Pfütze springt jede Katze anders. Aber hier verhielten sich alle gleich. Ich dachte, in diesem Sinn, und zwar nur in diesem, gibt es das sozialistische Kollektiv. Kollektiv ist diese Gleichheit, die in der gefressenen Angst ohne Absprache funktioniert. Aber wenn es um Gemeinsamkeit oder Kollegialität geht, ist das Kollektiv nur ideologisches Gefasel. Durch die Freiheit, die ich mir aus der Abwesenheit der Freiheit genommen hatte, hab ich zu spüren gekriegt, daß das Kollektiv dem Staat immer so wichtig war, wegen der Unterdrückung. Man brauchte es als Gegensatz zum Individuum. Der Einzelne war nicht ein Teil, sondern der Feind des Kollektivs. Das bestätigte sich immer wieder. Ein paar Jahre später wurde ich wegen „Individualismus“ und „Nichtanpassung ans Kollektiv“ als Lehrerin von der Schule gefeuert.

Der Spruch mit der Katze meinte, jede Katze springt an der Pfütze anders – in diesem Land waren alle Katzen gleich, sie sprangen nicht über die Pfütze. Ich war auch nicht über, sondern voll in die Pfütze gesprungen. Ich wußte sogar vorher, dass ich nur in die Pfütze springen kann.
Freiheit ist auch, wenn man mit ihr voll in die Pfütze springt.
Wenn man mit der Last seiner leeren Freiheit herumläuft, geht man nicht so schnell verloren als ohne sie. Sogar mit dem Nichts in der Freiheit, ist die Freiheit größer als ganz ohne Freiheit. In der Zeit vor dem Rausschmiß aus der Fabrik hab ich mir so seltsame Sachen gesagt wie:
Die Zeit ist ein Dorf und die Angst hat das kürzeste Gesicht.

Ich wußte nicht, was so ein Satz bedeuten soll, aber er klang nach Gewissheit und Selbstbeherrschung. Der Satz blieb mir im Kopf, ich nutzte ihn so oft, dass er das Seltsame verlor, und durch Abnutzung ganz gewöhnlich wurde. Ich sagte mir, der Satz darf wollen, was er will. Oder: Das Eins zu Eins bietet sich hier nicht an.  Darin besteht seine Freiheit. Er machte nicht nur sich frei, sondern auch mich. Das war schön, es reichte. Gerade das Gewöhnliche bewies, daß der Satz es gut mit mir meint. Wenn es gut zu einem ist, kann alles gewöhnlich werden. Das Gewöhnliche hat einen unschätzbaren Wert. Mir sagte es, daß ich mir mit der Last meiner leeren Freiheit noch selbst gehöre. Dass ich vielleicht an diesem Staat, aber nicht an mir selbst verzweifeln muß.

Überall war Angst. Zum Verwalten der Angst brauchte der Alltag die Korruption. Sie ist die Ökonomie der Unterdrückung. Im geplanten Mangel des Staats bekommt man das Notwendige nur durch Korruption. Für den Überwachungsstaat ist Korruption praktisch, sie besetzt die Zeit auch im Kopf, sie lenkt ab vom Mangel. Jeder Staatsbeamte profitiert, die Angst setzt den Preis fest, nicht wie in einer freien Gesellschaft der Markt. Alle sind beteiligt. Die Angstmacher verschieben die großen Dinge. Den Angstbeißern bleiben die kleinen. Sie können mit Kerzen, die sie vom Arbeitsplatz gestohlen haben, das gestohlene Fleisch aus dem Schlachthaus bezahlen. Oder sich mit Kaffeebohnen vom Schwarzmarkt gute Noten in der Schule kaufen. Mit Kasettenrekordern sogar die Prüfungen an der Universität. Das Motto für diesen Handel hieß: Nur nachts wird gestohlen, am Tag wird genommen. Auch die Gefühle wurden zur Ware. Unverbindliche Sexualität  war selbstverständlich für einen guten Posten, mal für eine Anstellung, mal gegen die Entlassung. Es gab den Wildwechsel der Materialwaren und der Gefühlswaren. Es war Ersatz für die fehlende Freiheit, es war sogar die erlaubte Freiheit. Der Staat schaute zu, wie die Moral zwischen den Leuten verschwand. Alle waren irgendwie kriminalisiert. Und wenn dann jemand dem Regime politisch nicht mehr paßte, konnte der Geheimdienst die selbstverständliche Alltagskorruption jederzeit zur Straftat erklären. Das hieß dann nicht politische Verfolgung, sondern Diebstahl.

So hatte sich nach Jahrzehnten Diktatur alles verdreht. Es gab kein ethisches Fundament mehr. Die Gesellschaft hatte ihren Kompaß endgültig verloren. Alles war materiell und moralisch ruiniert. Auch die Menschen. Sie machten jahrzehntelang gar nichts, und dann lehnten sie sich auf gegen das Regime.  Aber in gleichem Maße auch gegen sich selbst. Die ewig schlechte Laune im Sozialismus kam auch vom Überdruß am eigenen Opportunismus.
Wahrscheinlich trifft das auf ganz Osteuropa zu.
Die Leute berauschten sich am Glück der Befreiung.
Aber heute, dreißig Jahre später, kennt diese Freiheit sich selbst nicht mehr. Ist sie in den Ländern Osteuropas wirklich noch ein Gegenstand? Die Unterdrückung ist zwar nicht mehr da wie früher, aber sie wird spürbar - wie ein Phantomschmerz. Es gibt nicht immer mehr Freiheit in diesen Ländern, wie man 1989 dachte. Immer mehr gibt es stattdessen Korruption, Nationalismus, Antisemitismus, Homophobie, Instrumentalisierung der Justiz, Einschüchterung und Gleichschaltung der Medien. Und die Kirche macht mit. Sie mobilisiert Frömmigkeit gegen die Demokratie. Und in Rumänien kann man die Prüfungen immer noch kaufen. Ein Kassettenrekorder reicht allerdings heute nicht mehr dafür.

In Osteuropa ist fast spiegelbildlich das passiert, was auch nach 1945 in Deutschland passiert ist. Man wollte die Wahrheit nicht wissen. In Rumänien wurde nie aufgeklärt, welche Verbrechen, welche Morde und wieviele der Geheimdienst auf dem Gewissen hat. Im Land und an der Grenze. Das Resultat ist die Verlängerung der Diktatur in die Demokratie. Die alten Genossen regieren heute wieder das Land und bedienen sich gegenseitig mit Posten und lassen sich kaufen in einer verlogenen Gesellschaft.
Aber - Kogon wußte es - "Nichts als die Wahrheit kann uns freimachen."
Hier in Königstein erinnern Sie immer wieder an Eugen Kogon und daran, dass - so schreibt er - "die Unmenschlichkeit in Deutschland unter dem Nationalsozialismus Weltanschauung und Praxis war  und dass das ein mächtiger Grund ist, sich orientiert zu halten und für die Bedingungen der Humanität überall dort einzutreten, wo sich die Notwendigkeit ergibt."

Vielen Dank für den Preis, der seinen Namen trägt.

Königstein im Taunus, 22. März 2019
© Herta Müller


Impressionen der Preisverleihung (Fotos: Wolfgang Riedel)



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