Königstein im Taunus

Am 12. Juni 1977 stürmen Hunderte das neue Kurbad

Bereits 1936 wurde im Königsteiner Kurverein über die „Erstellung eines Kurmittelhauses“ diskutiert. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges nur wenige Jahre später ließ diese Ideen in den Hintergrund rücken. Aber bereits 1964 wurden erneut Forderungen nach der Errichtung eines „großen Therapeutikums für Kurgäste und Einwohner“ laut.

Am 27. Juni 1968 befasste sich die Kur- und Verkehrskommission in ihrer Sitzung mit einem Fremdenverkehrsgutachten, das ausdrücklich die Errichtung eines Kurmittelhauses in Verbindung mit Hallenschwimmbad als notwendig zur Förderung des Kurbetriebes ansah.

Ebenso vertrat die Stadtverordnetenversammlung drei Wochen später in ihrer Sitzung die Auffassung, dass zur Belebung des Kur- und Fremdenverkehrs in Königstein ein Kurmittelhaus mit Hallenbad im Kurpark neben dem Kurhaus zu errichten sei. Waren sich die Kommunalpolitiker über die Notwendigkeit eines Kurbades einig, so herrschte doch Meinungsverschiedenheit über den auszuwählenden Standort. Ende August 1968 wurden mehrere Gelände besichtigt, die geeignet erschienen: Außer dem Kurparkgelände (hier war an die Fläche zwischen der „Villa Borgnis – Kurhaus im Park“ und der ehemaligen Gärtnerei gedacht) auch der Park des Hotels Sonnenhof (heute Villa Rothschild), die Herzog-Adolph-Anlage und das Wiesengrundgelände unterhalb des Falkensteiner Hains. Die Entscheidung fiel zugunsten des Wiesengrundgeländes, auch wegen der nahen Anbindung an die Bundesstraße 8.

Aus dem Architektenwettbewerb wurden die Stuttgarter Architekten Ingeborg und Rudolf Geier ausgewählt. Zu ihren Werken gehörten beispielsweise auch das Markgrafenbad in Badenweiler, die Kurthermen in Lahnstein sowie das Alpenbad in Pfronten. In Anwesenheit des Architektenehepaares tagte die neu einberufene Hallenbadkommission am 21. Juli 1971 zum ersten Mal. Raumprogramm und Bauplanung wurden am 18. Mai 1972 durch die Königsteiner Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Im Übrigen stimmten elf Stadtverordnete dafür, es gab drei Enthaltungen und eine Gegenstimme.

Steigerung der Aussichtsqualität

Mit durch Gebietsreform und Finanzierungsfrage verursachter Verzögerung starteten die Bauarbeiten erst im September 1975. Einige Monate zuvor war die Königsteiner Kurgesellschaft m.b.H. gegründet worden. Am 5. Dezember 1975 wurde der Grundstein gelegt. Nach neun Monaten Bauzeit konnte am 17. September 1976 das Richtfest gefeiert werden. Der Entwurf der Architekten gründete sich auf die Ausnutzung des Hanggeländes. So wurden vier Ebenen geschaffen und die Geschosse dabei zurückgestaffelt. „Mit dem Hochsteigen von der Eingangszone über den Kurmittel- und Umkleidebereich zur eigentlichen Bade- und Aktivitätsebene und zur großen Ruhe- und Liegeplattform empfindet der Gast eine Steigerung der Aussichtsqualität bis hin zum völlig neuen Rundblick über Königstein und seine reizvolle Umgebung“, so beschrieb Rudolf Geier das Projekt in der Broschüre „Unser Kurbad“, die 1977 anlässlich der Kurbaderöffnung herausgegeben wurde.

Mit Jahresbeginn 1977 übernahm Rainer Kowald den Posten des Kur-Geschäftsführers, den er viele Jahre ausübte – mit Büro im Kurbad.

Die offizielle Einweihungsfeier des Kurbades fand am 11. Juni 1977 im dem Bad gegenüberliegenden katholischen Gemeindezentrum statt. In ihren Ansprachen betonten der hessische Minister für Wirtschaft und Technik, Heinz Herbert Karry, Landrat Werner Herr und Bürgermeister Antonius Weber wie bedeutsam das Kurbad für die Förderung des Fremdenverkehrs wie auch der Infrastruktur der Stadt Königstein sei. Insbesondere der Bürgermeister erwähnte den Bezug zur Kurgeschichte Königsteins. Außer einem Hallenbad, so Bürgermeister Weber, stünden den Einwohnern und den Gästen Königsteins jetzt auch eine Sauna, Solarien, Liegehallen, ein Restaurant und ein Kosmetiksalon zur Verfügung. Ebenso gab es ein Institut für Krankengymnastik.

Einen Tag später, am Sonntag, 12. Juni 1977, öffneten um 7.30 Uhr die „Kurbad-Tore“ für die Schwimmerinnen und Schwimmer. Innerhalb von nur vier Stunden strömten 400 Besucher in das Bad.

Als das Kurbad dann im Juni 1978 seinen ersten Geburtstag feierte, konnte es bereits 200 000 Besucher zählen. Jeder, der am Jahrestag in das Bad kam, erhielt aus diesem besonderen Anlass beim Verlassen eine gebackene „Eins“ überreicht.

Erregte Diskussionen: die Farbgebung

Viele Königsteiner waren entsetzt, als sie das neue Bad in leuchtendem Blau und Orange vor sich sahen. So entstand die „Bürgeraktion Farbgebung Kurbad“, die die Farben als „aggressiv, stressend, aufregend und disharmonisch“ empfand. Die Farbgebung sei weder der landschaftlichen Umgebung noch der Funktion des Kurbades angemessen. „Mag ein gewisser Gewöhnungsprozess die Schärfe der Kritik auch mildern, so werden wir doch die Diskussion weiterführen und uns für eine Änderung der äußeren Farbgebung des Kurbades einsetzen“, so äußerte sich die genannte Bürgeraktion in der eigens zur Kurbaderöffnung herausgegebenen Informationsbroschüre „Unser Kurbad“. Aber auch der documenta-Künstler Otto H. Hajek, der für die künstlerische Ausgestaltung und demzufolge auch für die Farben verantwortlich war, kam in der Broschüre zu Wort. Ihm lag am Herzen, dass die Besucher ein besonderes Empfinden erfahren. Die Farbe Blau ist die Farbe des Himmels und nach Hajek eine natürliche Ergänzung zur grünen Umgebung des Bades. „Durch die Gestaltung zieht sich ein Leitfaden, den ich (= Otto H. Hajek) – Farbwege – nenne. Die geplante Brunnenlandschaft im Vorfeld der Architektur schützt die Eingangssituation gegenüber der Straße, sie ist als Einladung zu verstehen. Die Farbformen der Architektur, die Farbräume sind eine psychotherapeutische Einbringung, sie sind ein Wert für die Gesundheit des Menschen… Mit meiner Arbeit habe ich versucht, hier mitzuhelfen, dass die Besucher des Kurbades ein besonderes Empfinden erfahren.“

Mit der Eröffnung des Kurbades war das Thema „Farbgebung“ noch nicht zu Ende diskutiert: Anfang Juli 1977 fand eine öffentliche sehr gut besuchte Diskussionsveranstaltung statt, bei der auch der Architekt Geier und der Künstler Hajek anwesend waren. Zur Farbe Orange, die vielen nicht gefiel, äußerte der Künstler, sie bringe von außen die Sonne „herein“. Laut zeitgenössischem Zeitungsartikel vom 6. Juli 1977 waren die Befürworter der Kurbadfarbe in der Minderheit. Die Gegner bemängelten auch, dass die Bürgerschaft vor der endgültigen Farbgebung nicht informiert wurde.

Passender Name gesucht

Das große Bauvorhaben für das Kurmittelzentrum lief unter dem Arbeitstitel „Gesundheitszentrum“. Der Magistrat der Stadt Königstein suchte noch vor der Grundsteinlegung nach einem passenden Namen für das Projekt und Königsteins Bürger wurden dazu aufgerufen, bis zum 30. November 1975 ihre Idee für einen Namen einzureichen. Es gab 185 Einsendungen sehr unterschiedlicher Art. „Aqua Tauna“ und „Quisisana“ waren dabei und 16 Vorschläge erinnerten an den Begründer der Kur, Dr. Georg Pingler. Manche übten mit ihren Vorschlägen auch Kritik, zu diesen gehörten „Steuer-Millionen-Grab“ oder auch „Schuldenterrine“. Der Aufsichtsrat der Kur-GmbH, der sich aus Kommunalpolitikern verschiedener Parteien zusammensetzte, entschied sich dann für „Kurbad Königstein“. Zwölf Einsender hatten diesen Namen vorgeschlagen. Unter ihnen wurde per Los der Sieger ermittelt, der sich entscheiden konnte zwischen einer kostenlosen Nutzung von Hallenbad und Sauna für die Dauer von einem Jahr oder einem Geldbetrag in Höhe von 400 DM in bar.

Beate Großmann-Hofmann, Stadtarchiv Königstein