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Ein Rückblick auf die Wahlen 1919

Interessantes aus dem Stadtarchiv zum Thema Wahlen

Das Jahr 2009 wird allgemein als „Superwahljahr“ bezeichnet, die ersten Wahlen fanden bereits am 18. Januar in Hessen statt. Im Januar 1919, also vor genau 90 Jahren, war die wahlberechtigte Bevölkerung zweimal innerhalb von 8 Tagen aufgerufen, zur Wahlurne zu gehen: Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung statt, eine Woche später, am 26. Januar, die Wahl zur Preußischen Landesversammlung.

Jahresende 1918

Das Ende des ersten Weltkrieges brachte erhebliche Umwälzungen: Deutschland wurde parlamentarische Demokratie, am 9. November entsagte Kaiser Wilhelm II. dem Thron und ging in das Exil nach Holland. Nachfolgend dankten die Fürsten der deutschen Länder ab. Der Matrosenaufstand in Kiel (Ende Oktober 1918) weitete sich aus, es kam überall im Deutschen Reich zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten.

So übernahm auch in Königstein am 7. November 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat die Macht für einen Monat. Philipp Scheidemann (SPD) rief am 9. 11. 1918 die Republik aus und übergab die Regierungsgeschäfte an Friedrich Ebert (SPD). Zwei Tage später wurde in Compiègne bei Paris der Waffenstillstand abgeschlossen. Der 1. Weltkrieg hatte über 10 Millionen Menschen verschiedener Nationalitäten das Leben gekostet und in großen Teilen Europas die bestehenden Ordnungen zu Fall gebracht.

Auf dem Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte vom 16. bis 19. Dezember 1918 in Berlin wurde der Termin der Wahl zur Verfassunggebenden Nationalversammlung auf den 19. Januar 1919 festgesetzt. Erstmalig sollten auch Frauen wahlberechtigt sein. Zu weiteren Änderungen des Wahlrechts gehörte die Herabsetzung des Wahlalters auf 20 Jahre.

Die Wahlen zur Nationalversammlung

Fünf große Parteien und zahlreiche Splittergruppen stellten sich zur Wahl. Aus dem alten Reichstag waren zwei Parteien erhalten geblieben, nämlich das Zentrum (dessen bayrische Schwesterpartei sich Bayrische Volkspartei nannte) und die Sozialdemokratische Partei (SPD). Des Weiteren standen zur Wahl die Deutsche Demokratische Partei (DDP), die aus der Fortschrittspartei des alten Reichstags hervorging und mit Zentrum und SPD zu den „Mehrheitsparteien“ gehört hatte.

Die Deutsche Volkspartei (DVP) wurde als Fortsetzung der Nationalliberalen Partei angesehen und galt – ebenso wie die konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) – als monarchistisch. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) warb auf der linken Seite um die Stimmen der Arbeiter. Die Kommunistische Partei Deutschlands beteiligte sich noch nicht an den Wahlen am 19. Januar 1919.

„Wir Frauen und die Nationalversammlung“ und eine Wahlveranstaltung in der Kirche ...

Zu den bevorstehenden Wahlen fanden im von französischen Soldaten besetzten Königstein verschiedene Wahlveranstaltungen statt. Am Sonntag, den 8. Dezember 1918, war abends um 20.00 Uhr in Königstein im Hotel Procasky eine Frauenversammlung, auf der Fräulein Dr. Wertheimer aus Frankfurt zu dem Thema „Wir Frauen und die Nationalversammlung“ sprach. Diese Veranstaltung, zu der Frau Bertha von der Hagen, eine Königsteiner Pensionsinhaberin, als Vertreterin der Königsteiner Frauenvereine die Anwesenden begrüßte, sollte der allgemeinen politischen Aufklärung der Frauen dienen.


Bertha von der Hagen (1848-1929, auf dem Foto links) eröffnete 1895 die Pension „Quisisana“ im Ölmühlweg. Sie war Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins und förderte die Schwesternstation im evangelischen Gemeindehaus.

Sie war keine Parteiversammlung. Die Referentin betonte, dass es nun auch die Aufgabe der Frau sei, „politisch zu denken und politisch zu wirken“. Hierfür sei, so Dr. Wertheimer, immer noch Zeit neben den häuslichen Pflichten. Die Frauen sollten jetzt alle politischen Veranstaltungen besuchen und auch die Zeitung lesen. Jede Frau sollte wählen gehen. Nach diesem Appell stellte Fräulein Dr. Wertheimer schließlich die einzelnen Parteien mit ihren Zielen vor.

Anfang Januar 1919 hielt die Deutsche Liberale Volkspartei als erste der Parteien ihre Wählerversammlung im Kaffee Kreiner ab. Wahrscheinlich lag es an der ungünstigen Mittagszeit, dass diese Versammlung, wie die Zeitung berichtete, nicht sehr zahlreich besucht war. Der Redner aus Frankfurt bezeichnete als erste Forderung seiner Partei „die Wiedererweckung des nationalen Bewußtseins, das in der letzten schweren Zeit wohl bei den meisten verloren gegangen war.“

Eine Veranstaltung der Zentrumspartei fand am 15. Januar 1919 in der katholischen Kirche St. Marien statt. „Das Gotteshaus war dicht besetzt, nicht nur von Katholiken und Zentrumsangehörigen, sondern auch zahlreiche Anhänger anderer Konfessionen und Parteien hatten sich eingefunden“ berichtete die Taunuszeitung in ihrem Bericht zwei Tage später. Dekan Löw begrüßte die Erschienenen und bestimmte den Bürgermeister a.D. Sittig zum Versammlungsleiter. Das Hauptthema der Ansprachen war das Programm des Zentrums, das „nur das Christentum als Grundlage eines geordneten Staatswesens zur Hauptforderung“ machte.

Ebenfalls am 15. Januar hielt auch die Deutsche Demokratische Partei im Kaffee Kreiner eine Wahlversammlung ab. Hotelier Eduard Stern vom „Königsteiner Hof“ (früher „Grand Hotel“) begrüßte die Erschienenen. Der eingeladene Redner Dr. Schweizer aus (Wiesbaden-) Schierstein referierte unter anderem über die Fragen der Trennung von Staat und Kirche, über die Sozialisierung der Betriebe und eine anstehende Schulreform.

Die Wahlergebnisse in Königstein, Falkenstein, Mammolshain und Schneidhain

Die Wahlbeteiligung war hoch. Von 1311 abgegebenen Stimmen in Königstein (heutige Kernstadt) wurden 768 von Frauen und 543 von Männern abgegeben. Für die Zentrumspartei stimmten 579, für die Sozialdemokratische Partei (SPD) 313, für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) 300, für die Deutsche Volkspartei (DVP) 68, für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) 46 und für die Deutsch- nationale Volkspartei (DNVP) 5 der Wählerinnen und Wähler.

Für Falkenstein sah das Wahlergebnis wie folgt aus: Für das Zentrum wurden 233 Stimmen abgegeben, für die SPD 124, für die deutsche Demokratische Partei 65, für die Deutsch- nationale Volkspartei 16 und für die DVP 15 Stimmen. Die USPD erhielt hier keine Stimme.

In Mammolshain war die SPD mit 121 Stimmen die stärkste Partei, gefolgt vom Zentrum, auf das 87 Stimmen entfielen. Die USPD erhielt hier 8 Stimmen, die Deutsche Demokratische Partei 4; die DVP und die DNVP blieben ohne Stimme.

Auch in Schneidhain entfielen die meisten Stimmen auf die SPD (101), für die USPD entschieden sich 3 Wähler. Das Zentrum erhielt 56, die DDP 10 und die liberale Volkspartei 2 Stimmen. Für die DNVP stimmte hier niemand.

Der Beginn der „Weimarer Republik“

Dem Wahlergebnis nach war die SPD die stärkste Fraktion mit 163 Sitzen, gefolgt vom Zentrum (91)und der DDP (75). Die DNVP erhielt 44 Sitze, die USPD 22 und die DVP 19, auf übrige Parteien entfielen 7 Sitze. Insgesamt 26 Frauen gehörten nun der Nationalversammlung an. Die Regierung wurde mit großer Mehrheit von SPD, DDP und Zentrum gebildet.

Am 6. Februar 1919 trat die Nationalversammlung, deren Aufgabe es sein sollte, eine neue Verfassung auszuarbeiten, wegen der Unruhen nicht in Berlin, sondern in Weimar, im Nationaltheater, zusammen. Auch andere deutsche Städte hatten sich Ende 1918 beworben, die Nationalversammlung aufzunehmen. Unter diesen Städten befand sich auch Frankfurt, dessen Bewerbung daran scheiterte, dass französische Soldaten Gebiete nur wenige Kilometer von Frankfurt entfernt besetzt hielten.

Am 31. Juli 1919 konnte die Verfassung verabschiedet werden, das Parlament siedelte wieder nach Berlin um. Nach den Reichstagswahlen im Jahr 1920 trat dann der Reichstag an die Stelle der Nationalversammlung.

Eine Woche später wird erneut gewählt

Da am 26. Januar 1919, also nur eine Woche nach den Wahlen zur Nationalversammlung, die Wahlen zur preußischen Landesversammlung stattfanden, ging es mit Wahl- und Parteiveranstaltungen gleich weiter. So fand zum Beispiel am 24. Januar 1919 eine Volksversammlung der Sozialdemokratischen Partei in Königstein im bis auf den letzten Platz besetzten Kaffee Kreiner statt.

Hauptmann Lemp aus Kronberg war der Referent, der „in ruhiger Weise Inhalt und Ziel des Sozialismus“ darlegte. Wie die Taunuszeitung am 25. Januar 1919 schrieb, brachte er „klar umrissen ... seine eigene Überzeugung zu Wort, ohne derjenigen Andersdenkenden Abbruch zu tun und wusste besonders hierdurch sich die Anerkennung der Anwesenden zu erlangen ...“
Wiederum gab es in Königstein zwei Stimmbezirke, die ihre Wahlräume in der Volksschule in der Wiesbadener Straße hatten.

Zwischen 9 Uhr morgens und 8 Uhr abends wählten hier am 26. Januar 1919 insgesamt 677 Frauen (91 weniger als eine Woche vorher) und lediglich 428 Männer (115 weniger). Die Wahlbeteiligung war am 26. Januar geringer, so ging die Anzahl der abgegebenen Stimmen im 1928 neu gebildeten Hilfskreis Königstein von 12 952 auf 12 263 zurück. Zu Unrecht, wie die Zeitung schrieb, waren die Wahlen zur Preußischen Landesversammlung ebenso wichtig, da sie „Preußen doch eine vollständig neue Gestaltung und Gliederung“ geben sollte. Preußen war das größte der 16 Länder im Deutschen Reich.

Hier das am 29. Januar 1919 veröffentlichte Wahlergebnis der Wahlen zur preußischen Landesversammlung:





(03.02.2009)


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